Who was/is Palais Schaumburg ? - CDs, Vinyl LPs, DVD and more

Palais Schaumburg

Holger Hiller (voc, g)
Thomas Fehlmann (syn, tr)
FM Einheit (dr)
Chris Lunch (b)

Die 1980 gegründeten Palais Schaumburg kamen leider nie über den Geheimtip-Status hinaus, waren allerdings auch ein gutes Beispiel dafür, daß sich die Musikindustrie damals breit aufstellte und durchaus auch den Mut zeigte, Bands, die nicht den Mainstream bedienten, unter Vertrag zu nehmen und zu fördern. Denn bei der Hamburger Band standen Dilettantismus und Mut zur Extravaganz weit im Vordergrund. Der Name stammte vom damaligen Bonner Dienstsitz des Bundeskanzlers. Der musikalische Stil der Band zeichnete sich durch eine am Funk orientierte Rhyth- musgruppe und einem an Kinderlieder erinnernden Ge- sang aus. Inspiriert von der US-Avantgarde-Gruppe The Residents versuchte sich Palais Schaumburg an einer Art avantgardistischer "Tanzmusik". Thomas Fehlmann, ein Kunststudent aus Zürich, und Holger Hiller, ein klas- sisch ausgebildeter Geiger und Autodidakt an Gitarre, Synthesizer und Elek- tronik, trafen sich in Hamburg auf Initiative von Walter Thielsch (später auch Palais Schaumburg).

Hiller hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine längere Phase des Experimentierens mit neuen musikalischen und textlichen Formen hinter sich, die er mit einer 4-Spur-Maschine realisierte, hatte bereits auf dem Düsseldorfer ATA TAK-Label die Single Herzmuskel veröffentlicht und war als Mitglied der Band von Kiev Stingl und als Mitgründer der Geisterfahrer aufgefallen. Thomas Fehlmann hatte 1979 Robert Fripp (King Crimson) getroffen und begann mit Synthesizern zu experimentieren. Hiller und Fehlmann lernten sich bei der Arbeit zu Conrad Schnitzlers Doppelalbum 'Das ist Schönheit' kennen, und be- schlossen aus dem gelegentlichen Treffen ein Bandkonzept zu entwickeln, das "fortschrittlich, jenseits vom deutschen Punk oder von teutonisch betulicher Elektronik angesiedelt sein sollte" (Fehlmann). Eine erste gemeinsame Kompositionen von Fehlmann und Hiller, die Single Rote Lichter, erschien auf dem ZICKZACK-Label und wurde mit einem minimalistischen Konzept ein erster kleiner Szene-Hit für das Duo.

Paul Hindemiths Kinderoper 'Wir bauen eine neue Stadt' faszinierte die beiden Musiker derart, daß sie einige Stücke aus dem Werk in ihr Programm integrierten. Ende 1980 gewannen Hiller und Fehlmann den US-Multiinstrumentalisten Chris Lunch (b) und F.M. Einheit (dr, ex-Abwärts, Einstürzende Neubauten) als Mitstreiter für die Live-Rea- lisierung ihrer Musik. Nach den ersten erfolgreichen Konzerten ent- schlossen sich Palais Schaumburg zu einer kontinuierlichen Arbeitsweise, bei der Chris Lunch aber aufgrund verschiedenster Ver- pflichtungennichtmitziehenkonnte.AlsowurdeTimoBlunck(ex-Die |73 Zimmermänner) als neuer Bassist rekrutiert. Im Februar 1981 konnte sich die neue Besetzung, im Vorprogramm der US-Kultband Pere Ubu, bei einer großen Deutschland-Tournee beweisen. Sowohl Publikum als auch Pere Ubu waren begeistert, und David Thomas von Pere Ubu stellte den Kontakt nach England her, wo sie auf Einladung des MUTE RECORDS-Chefs Daniel Miller beim MUTE-Festival mit Depeche Mode und Fad Gadget im Londoner Lyceum auftraten. Aufgrund der Mehrfachbelastung von F.M. Einheit kehrten Palais Schumburg erneut als Trio nach Deutschland zurück und fanden nach längerer Suche mit Ralf Hertwig (ex-Front) einen Schlagzeuger-Ersatz.

Nach den zweiwöchigen Aufnahmen zum Debüt- Album, bei denen Fehlmann das Saxophon und die Trompete für sich, und Blunck den akustischen Baß entdeckte, entschloß sich die Gruppe, für die Fertigstellung der Platte einen erfahrenen Produzenten zu betrauen. Die Wahl fiel auf David Cunningham von der englischen Experimental-Band Flying Lizards, der aus dem Album ein kleines Meisterwerk machte. Die selbstbetitelte LP erschien im Herbst 1981 und enthielt "zehn Songs, beseelt von einem ungeheuren, nervösen Drive, der einem kaum Zeit zum Luftholen läßt" ('MusikExpress'). "In diesem Jahr ist, außer vom Pyrolator nichts Vergleichbares erschienen. Was Palais Schaumburg von der deut- schen Durchschnittsware unterscheidet, sind zwei Dinge: ein gesundes Kollektiv von auseinanderstrebenden Persönlichkeiten und ein nach außen abgegrenzter Stil" ('Sounds'). Nach ausgedehnten Tourneen mit Konzerten in Deutschland, wieder in England 74| und danach in den Niederlanden verabschiedeten sich Palais Schaumburg in eine angekündigte Kreativpause. Nach dieser Pause und vielen Unstimmigkeiten in- nerhalb der Band verließ Hiller die Gruppe, um sich einigen Soloprojekten zu widmen. Für ihn kam Walther Thielsch (dr, voc), der schon vorher für Palais Schaumburg gearbeitet hatte und der Band schon länger freundschaftlich ver- bunden war. Für Palais Schaumburg schrieb Thielsch einige stark an Kurt Schwit- ters erinnernde Texte. Zusätzlich neu dabei war auch Stefan Bauer (vibr, p, tromb).

In dieser Besetzung wurde unter der Regie des Kid Creole And The Coco- nuts-Arrangeurs und Multitalents Andy Hernandez (alias Coati Mundi) das neue Album 'Lupa' aufgenommen, das mit einer Mischung aus Funk, Bossa Nova, Tango und Avantgarde der damaligen Entwicklung weit voraus war und bei dem sich "mehr Leichtigkeit, Swing, mehr Tanzbarkeit gegenüber dem Debüt" ('Sounds') feststellen ließ. Nach der anschließenden Deutschland-Tournee verließ Bauer wie- der die Band. Für ihn kam Moritz von Oswald (vib, perc). Die nächsten Konzerte fanden wieder in England und zwei sogar in New York statt. Danach verordneten sich Palais Schaumburg eine Konzertpause, begannen mit der Erarbeitung neuer Stücke und einer "Überarbeitung des Personalkonzeptes" (Fehlmann). Daraufhin verließen Thielsch und Blunck die Band, waren aber noch auf der 83er Single Hockey mit von der Partie. Die Single war in England in den Charts und wurde von der kanadischen Hockey-Nationalmannschaft zum "Schlachtenlied" erkoren. Dann versuchten sich Palais Schaumburg "auf die Impulse zu besinnen, die die Eigenart neuer deutscher Musik ausmacht und sich der Verwässerungstendenz der vergangenen Jahre zu entledigen" (Band-Info). Zu einigen der neuen Songs und zu deren Produktion wurden befreundete Musiker als Gäste eingeladen, wie z.B. Dieter Meier (Yello) bei der englischen Version von Hockey und Inga Humpe (Neonbabies), die für die neuen Stücke die Gesangsarrangements schrieb.

Nach der 84er Single Beat Of 2 gab die Gruppe Anfang 1985 Konzerte in Italien und trat im dortigen Fernsehen auf. |75 Thomas Fehlmann, Ralf Hertwig und Moritz von Oswald versuchten nach längerer Pause zwar noch mit der englisch-spra- chigen Synthiepop-Platte 'Parlez-Vous Schaumburg' einen Neuanfang, produziert von Inga Humpe (ex-Neonbabaies), das von den Kritikern gelobt wurde, aber dem Vergleich mit den klassischen Schaumburg-Alben nicht stand hielt. Die einzelnen Mitglieder verteilten sich in alle Himmelsrichtungen und die Gruppe Palais Schaumburg war 1985 aufgelöst. Hiller konzentrierte sich auf Kollaborationen und Solo-Veröffentlichtungen. Ab 1984 lebte und arbeitete er in London, u.a. auch als Produzent für das Label MUTE RECORDS. Es folgten Soloalben – darunter 'As Is' (1992), 'Demixed' (1993), 'Holger Hiller' (2000) – und diverse Hörspiel-, Video und andere Produktionen. Seit 2003 wohnt Holger Hiller in Berlin und arbeitet dort als Englischlehrer. Bei der 84er Palais Schaumburg-Besetzung war er zwar nicht dabei, aber bei der 2011er Reunion mit Timo Blunck, Thomas Fehlmann und Ralf Hertwig. Diese Besetzung findet immer wieder zu vereinzelten Konzertauftritten zusammen. Fehlmann zog nach der Trennung nach Berlin und baute sich ein professionelles Studio auf. Seine erste selbst-produzierte Maxi veröffentlichte er 1985 unter dem Namen 'Ready Made' beim englischen MUTE-Unterlabel RHYTHM KING. 1990 begann er seine Zusammenarbeit (als sogenannter "floating member") bei der englischen Electronic-Gruppe The Orb. Außerdem avancierte er zu einem erfolgreichen Produzenten, Remixer, DJ, wurde zu einer festen Größe im Berliner Techno-Club Tresor und beim dazugehörigen Label TRESOR RECORDS. Unter dem Projektnamen 3MB arbeitete er – gemeinsam mit von Oswald – mit Juan Atkins, Blake Baxter und anderen Techno-Größen aus Detroit.

Ab 1995 entwickelte Fehlmann zusammen mit Gurdun Gut (ex-Malaria!) das DJ-Projekt Ocean Club und moderierte von 1997 bis 2012 mit ihr bei RadioEins (RBB) die wöchentliche Sendung 'Ocean Club Radio'. Es folgten Produktionen und Re- mixe u.a. für Erasure und Klaus Schulze, sowie eigene Alben wie 'Overflow'(1999), 'Honigpumpe' (2007) und 'Gute Luft' (2010). 76| Moritz von Oswald spielte nach Palais Schaumburg mit der schottischen Band Asso- ciates, wechselte zur elektronischen Musik, arbeitete mit Thomas Fehlmann, gründete mit Mark Ernestus das erfolgreiche Techno-Label BASIC CHANNEL, avan- cierte zu einem der einflußreichsten Produzenten in der Techno-Szene, betrieb zuletzt – wieder mit Ernestus – das Dub-Reggae-Techno-Projekt Rhythm & Sound und veröffentlichte mit dem Moritz von Oswald Trio 2012 das Album 'Fetch'.

Burghard Rausch 

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Aus grauer Städte Mauern - Die Neue Deutsche Welle (NDW)

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