Who was/is The Wirtschaftswunder ? - CDs, Vinyl LPs, DVD and more
The Wirtschaftswunder
Angelo Galizia (voc)
Mark Pfurtscheller (kb)
Tom Dokoupil (g, b, kb)
Jürgen Beuth (dr)
The Wirtschaftswunder gehörten, neben Mittagspause, Die Radierer, Der Plan, S.Y.P.H. und Palais Schaumburg zu einer der wegweisenden Bands der Postpunk- Szene. Sie waren Teil der sehr offenen Underground-Szene im hessischen Lim- burg und schafften es immerhin, eine Spur in der NDW-Szene zu hinterlassen und profilierten sich inmitten der boo- menden NDW als anspruchsvolle, experi- mentierfreudige Vertreter des deutschen Neo-Rock. Eine der wichtigen Gestalten dieser Limburg-Szene war der gebürtige Tscheche Tom Dokoupil, der bei fast allen Projekten dieser Gegend irgendwie und irgendwo seine Finger mit im Spiel hatte. Die andere wichtige Gestalt war der begnadete Multiinstrumentalist Jürgen Beuth. Der gehörte zur 1978 gegründeten deutschsprachigen Punkband Terry & The Ro- rist – mit Christian B. Bodenstein (voc) und Peter Lack (dr).
Beim zweiten Auftritt nannten sich die drei Klaus Le Maus And The Mahavishnu Trio, beim dritten dann Kriskraazy And His Fantastic Roadshow und danach Jim Knopf und Die Wilde 13. Ein Jahr später bestand die Gruppe aus Beuth, Bodenstein, Lack, Walter Holthaus (b) und Bernd Pulch (sax) und absolvierte am 1. Januar 1980 als Die Radierer in ihrer Heimatstadt ihr Live-Debüt. Beuth war zeitgleich Schlagzeuger in der Art- Rock-Band Crypton, die noch im selben Jahr zu The Wirtschaftswunder mutierte. Zunächst noch ohne Sänger oder einem anderen Bassisten bestanden The Wirtschaftswunder wenig später aus dem Sizilianer Galizia, dem Kanadier Pfurtschel- ler, dem Tschechen Dokoupil und dem Deutschen Beuth und spielten bereits im Mai einen ihrer ersten Auftritte im Frankfurter Museum Städel bei einer Perfor- mance des Orgien- und Mysterientheaters des Wiener Malers und Aktionskünstlers Hermann Nitsch. Durch einen Auftritt im legendären Ratinger Hof (gemeinsam mit Östro 430 und den Fehlfarben) kam der Kontakt zum Indie-Label ATA TAK zu- stande, bei dem die Single Allein mit den zusätzlichen Titeln So ist es, (Don't Listen) Politsong und Metall erschien. Es folgten im Herbst Auftritte in Berlin und Konzerte im Vorprogramm der englischen Synthie-Band The Human League.
Etwa zeitgleich veröffentlichten The Wirtschaftswunder die Single Television & Kom- missar und (gemeinsam mit den Radierern und Siluetes 61) auf dem ZICKZACK- Label von Alfred Hilsberg die Compilation 'Limburger Pest'. Die bestand aus zwei Vinyl-Singles und einer Flexi-Disc. The Wirtschaftswunder steuerten die Songs 104| Television und Kommissar bei – also die komplette Single, die dem ZICKZACK-Label einen ersten größeren kommerziellen Erfolg in der Labelgeschichte bescherte. Bei Kommissar war eine tanzbare Synthie-Version des Titelthemas der ZDF-Serie zu hören, begleitet von Dialog-Fetzen der 'Kommissar'-Folge 'Tod Eines Hippiemädchens', mit Sänger Galizia als verzwei- feltem Verdächtigen. Die Cover-Rückseite zeigt den 'Kommissar'-Darsteller Erik Ode bei der Ausübung seiner Tätigkeit. Anfang 1981 erschien dann – ebenfalls bei ZICK- ZACK – mit 'Salmobray' das Debütalbum mit einem Cover von Dokoupils Bruder Jiri Georg, der zu den Vertretern der "Jungen Wilden" der 80er gehörte. Auf der Platte machte die Gruppe "Erfahrung im Deutsch-Italo-Volkstum-Kulturhaufen und ließ Er- findungen springen! Volkstumsmusik/-Melodien (mit den Instrumenten Schreibmaschine/ Flöte/Orgel/Klavier) und Rock-/Rhythm-Ele- mente plus Elektronik laufen ineinander. Und An- gelos Stimmeneinsatz ist die einzige Konkurrenz |105 für Pere Ubus David Thomas! WW sind einmalig" ('MusikExpress').
"Die Scheibe platzte vor tollen Ideen, und während es immer wieder gefällige An- sätze zu bewundern gab, wurden diese gnadenlos vom subversiven Humor der Schöpfer zu etwas ganz anderem umgebogen" ('Shareplace.com'). Ebenfalls im Januar veröffentlichte Tom Dokoupil auf seinem eigenen Label die Compilation-Cassette 'Non Dom', auf der auch The Wirtschaftswunder mit vier Titeln vertreten waren – praktisch mit der kompletten ATA TAK-Single. Ebenfalls im Januar trat das Quartett – neben den Einstürzenden Neubauten und X Mal Deutschland – beim 'Lieber zu kalt als zu warm'-Festival in der Hamburger Markthalle auf, gefolgt von Gigs mit D.A.F. im Frühjahr und weiteren Auftritten in Deutschland und in Österreich. Zwischendurch veröffentlichten The Wirtschaftswunder den Titel Ich steh auf Hagen mit dem Sänger Wolfgang Kluthe (Klack Klack!) auf einer Flexi-Disc für das 'Geil + Fröhlich-Fanzine'. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt aufgrund eines Autounfalls von Galizia begann der ungarische Regisseur Gábor Altorjay mit den Dreharbeiten zum Super-16-Schwarz-Weiß-Fernsehfilm "Chernovets' ('Tscherwonez'), in dem Galizia und Dokoupil größere, und Beuth und Pfurtscheller kleinere Rollen spielten. In dem Film, bei dem die einzelnen Bandmitglieder auch konzeptionell mitgewirkt hatten, machte sich ein sowjetischer 106| Verfassungsschützern und einem sensationslüsternen Reporter.
Zeitgleich arbeiteten The Wirtschafts- wunder am zweiten Album, von dem es im Januar 1982 bei der TV-Sendung 'Bios Bahnhof' mit der Single Der Große Mafioso einen kleinen Vorge- schmack zu hören gab. Dieser Fernseh-Auftritt avancierte zu einem Erfolg, denn während und nach der Sendung wollten Anrufer die Gruppe für Auftritte buchen oder sie unter Vertrag nehmen. Im Frühjahr erschien dann das selbstbetitelte zweite Album mit "weitgehend spaßiger NDW- Musik, mit recht schrägen Arrangements (Bläser- Matrose in Hamburg bei seinem ersten Aufenthalt im Westen auf die Suche nach seinem verscholle- nen Bruder – verfolgt von Landsleuten, deutschen sätze des Todes!) und dem wie üblich hochunterhaltsamen Angelo Galizia, der sich mit südländischem Charme durch die Lieder hindurchschmachtet und – schreit" ('christiankessler.de') – allerdings bei der Industrie, bei POLYDOR. Auf Grund von Rechtsstreitigkeiten ging die Platte, die geradliniger als der Vorläufer wirkte und auf der sich die Band an einer Kombination von Pop mit experimentellen Elementen versuchte, etwas unter. Es folgte eine ausgiebige und erfolgreiche Tournee durch Deutschland und Österreich. Fast gleichzeitig hatten The Wirtschaftswunder den Soundtrack zum Film 'Tschernowez' kom- poniert. Der Film wurde am 6. April 1982 im Rahmen der ZDF-Reihe 'Das kleine Fernsehspiel' ausgestrahlt; die Filmmusik erschien zur gleichen Zeit.
"Die Fähigkeit, nahezu jeden Stil multinational mit eigenen Ideen zu besetzen, fand in dem Soundtrack volle Entfaltungsmöglichkeiten. 1983 wurde 'Tschernowez', eine mit Ideen vollgestopfte, schnell montierte Mi- schung aus Theater, politischer Satire, Kabarett, Agentfilm und neobrechtianischer Popmusik" ('Strandgut') bei der Berlinale und beim Rotterdamer Filmfestival vorgestellt und kam danach in die Programmkinos.
Burghard Rausch
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Aus grauer Städte Mauern - Die Neue Deutsche Welle (NDW)
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